Blog des Ministeriums für Bildung

Im Minetest-Camp bauen Schüler eine Schullandschaft nach ihren Vorstellungen

23. Juni 2018 - Digitale Bildung, Schule

70 SchülerInnen bauten mit Minetest eine Schullandschaft nach ihren Wünschen und Ideen

Dr. Sören Messerschmidt
Dr. Sören Messerschmidt
Dr. Sören Messerschmidt
Dr. Sören Messerschmidt

 

von Daniela Küllertz ("LiGa - Lernen im Ganztag", Deutsche Kinder- und Jugendstiftung)

Schülerinnen und Schüler aus fünf Schulen gestalten vom 16. bis zum 17. Juni an der Ganztagsschule Friedrichstadt eine Schullandschaft für individuelles Lernen und denken auch über die Rolle von Schulbehörden nach.

„Dieses Camp hat für mich als ehemaligen Gymnasiallehrer, der viele Jahrzehnte Schülerprojekte mitorganisiert und gestaltet hat, tatsächlich enorm viel Potenzial gezeigt.“ (Heinz Bayer, ehemaliger Gymnasiallehrer aus Baden-Württemberg)

Kaum waren die 70 Schülerinnen und Schüler an der Ganztagsschule Friedrichstadt in Wittenberg angekommen, wurden sie auch schon mit der Frage begrüßt, „Warum seid ihr in Wirklichkeit da?“. Und dann kam es heraus:  „Man hat euch mit dem Trick hierher gelockt, dass ihr zwei Tage lang Computer spielen dürft. In Wirklichkeit sollt ihr eure Professionalität als Spezialisten für Lernprozesse zeigen. Es geht um eure Ideen beim spielerischen Schul-Häuser bauen. Und es geht darum, euch vorzustellen, ihr würdet eine Behörde leiten, die dafür verantwortlich ist, dass Schulen gute Arbeit machen. Wir möchten, dass ihr in Minetest eine Schullandschaft entwerft, die auch die Chance hat, von den heute Verantwortlichen als echte Zukunftsidee für individuelles Lernen entdeckt zu werden.“ Nachdem die Aufgaben der Schulbehörden und verschiedene Schulformen vorgestellt wurden, ging es auch schon in die Teamaufteilung.

Heinz Bayer, ehemaliger Gymnasial- und Vertrauenslehrer aus Baden-Württemberg, führte ein Teamorganisationsprinzip aus der agilen Softwareentwicklung ein. Die fünf Entwicklerteams mit Schülerinnen und Schülern zwischen 6. und 10. Klasse waren quasi ein Start-Up für Schulinnovation. Zunächst einmal ging es für die Jugendlichen daran, gemeinsam im Team ohne PCs zu planen, wie sie vorgehen wollten. In schulübergreifenden und altersgemischten Teams galt es, gemeinsame Strategien zu entwickeln, Probleme zu lösen, Konflikte zu klären, Ideen umzusetzen und Verhandlungen zu führen. Crossfunktionale Gruppen nennt man das bei den ITlern. Damit man Prozesse aus vielen Perspektiven betrachten kann.

Mädchen, die anders bauen als Jungs, konzipierten gemeinsam eine Schullandschaft, in der es sich individuell lernen lässt. Das Ergebnis: Viel Grün, viel Licht, viel Sport, viel Fläche, große Räume, viel Rückzug, Nischen, Spielraum, Sicherheit, Helligkeit, Gärten und viel frische Luft. Mit offener Bibliothek, Einzelarbeitsplätzen, Rückzugsräumen und Coachingzonen für individualisiertes Lernen. Ganz dicht sollten dabei Schulbehörden an den Schulen „dran“ sein. In direkter Nachbarschaft zu Grund- und Gemeinschaftsschule als auch zum Gymnasium wurde das Ministerium für Bildung gebaut. Nicht vergessen wurden weitere Aspekte wie beispielsweise eine ökologische Energieversorgung als auch eine gute Verkehrsanbindung.

Heinz Bayer stellt nach zwei Camp-Tagen fest: „Es hört sich sicher komisch an, aber bei der Schlusspräsentation der Schulweltentwickler/innen kam mir Minetest fast wie ein Kollege vor, der es genial aus der zweiten Reihe geschafft hat, aus 70 jungen Menschen in zwei Tagen ein Entwicklerteam zusammenzubauen.“

Minetest ist ein Open-World-Spiel mit großem Gestaltungsspielraum und vielen Freiheitsgraden. In zufällig generierten Welten, die aus Blöcken bestehen, kann der Spieler verschiedene Rohstoffe abbauen. Er kann die Blöcke miteinander kombinieren und die Welt nach seinem Belieben gestalten. So kann beispielsweise ein Bauwerk oder eine komplexe Landschaft errichtet, der Körperbau des Menschen nachempfunden, eine Wirtschaftssimulation in Gang gesetzt, ein historisches Szenario gestaltet oder ein ökologisches Flusssystem entworfen werden. Der Spieler kann mit Fähigkeiten ausgestattet werden, die ihm Fliegen, Durch-Wände-Bewegen und Teleportieren erlauben, um seine Kreativität frei auszuleben. Im Mehrspielermodus müssen sich Spieler in Bezug auf ihre Ziele und Aktivitäten abstimmen. Diese Art der spielerischen Zusammenarbeit fördert in enormem Maße sowohl die Entwicklung der Fach- als auch der Sozialkompetenz. Individualisiertes, kollaboratives, fächer- und altersübergreifendes Lernen wird möglich, schulische Arbeit hat einen starken Bezug zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler.

Kreativ und kritisch fanden die fünf Entwicklerteams, von denen ein Team durch Peer-Tutoren der Ganztagsschule Wanzleben angeleitet wurde, unkonventionelle Lösungen. In den fünf Schlusspräsentationen zeigte sich, dass man als junger Mensch sehr wohl weiß, welche bauliche Umgebung einer Schul- und Lernlandschaft förderlich ist für individualisiertes Lernen und wie diese in engem Zusammenhang zur Unterrichtsgestaltung steht. Es entstanden komplexe Welten mit vielen unterschiedlichen Schulgebäuden mit lichtdurchfluteten, multifunktionalen Räumlichkeiten. Es entstanden viele Ideen für Alternativen zum traditionellen Unterricht in herkömmlichen Klassenräumen: offene Werkstätten, Unterrichtsorte im Grünen, Schulgärten auf den Dächern, Spiel- und Ruhezonen, eine offene Bibliothek, kombinierte Schüler- und Lehrerzimmer.

Nach Vorstellung der Schülerinnen und Schüler soll so ein weitgehend individualisierter Unterricht ohne feste Stundenzeiten und Verortung von einzelnen Fächern stattfinden können. Die Lehrerinnen und Lehrer werden in erster Linie als Experte und Berater gesehen. Arbeitsgemeinschaften im Ganztag sollten stärker schülerorganisiert sein.

Parallel fanden Fortbildungen zur Medienbildung an Schule und im Unterricht statt. So wurden Schüler zu Peer-Tutoren ausgebildet und erhielten eine Administrator-Schulung. Die mitgereisten Lehrerinnen und Lehrer konnten sich qualifizieren zum Einsatz von Minetest im Unterricht, zum Programmieren mit der Platine Calliope, zur Arbeit mit der Moodle-Box, zum Einrichten einer Lernplattform für schulorganisatorische Zwecke und als Schul-Internetseite sowie zum Programmieren mit dem Open-Source-Roboter Thymio.Das Minetest-Camp war eine Kooperationsveranstaltung zwischen der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt e. V. und dem Programm LiGa Sachsen-Anhalt.

Durch das Programm „LiGa – Lernen im Ganztag“ werden rund 300 Schulen aus fünf Bundesländern dabei unterstützt, individuelles Lernen zu entwickeln. Um die Qualität an Schule zu verbessern, arbeiten Schulleitungen und Schulaufsicht eng zusammen.

Gut beraten und begleitet entwickelt jede Schule passende Konzepte für individuelles Lernen. Die Pädagoginnen und Pädagogen setzen im Unterricht und in den Ganztagsangeboten konkrete Ansätze für individualisiertes Lernen um. Das Programm bietet für diesen Prozess Unterstützung und Qualifizierungen und dient als Plattform für Austausch und Vernetzung. „LiGa – Lernen im Ganztag“ ist eine Initiative der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und der Stiftung Mercator. www.lernen-im-ganztag.de. In Sachsen-Anhalt nehmen 78 Schulen an dem Programm „LiGa – Lernen im Ganztag“ teil und erproben neue Ansätze für individualisiertes Lernen. Vor allem bildungsbenachteiligte Schülerinnen und Schüler sollen davon profitieren.

 

 

 

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